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Die Graue Hexe

Version vom 25. Mai 2026, 09:51 Uhr von Elbenstern (Diskussion | Beiträge)
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Die Legende von der Grauen Hexe

 

Tief versteckt im schier endlosen Morast der Graulande soll eine einsame, verfallene Hütte stehen. Von Weitem wirkt sie leblos und dem Verfall preisgegeben, doch die Schauergeschichten des Umlandes besagen, dass dort die Graue Hexe ihr Dasein fristet. Die Landbevölkerung meidet das Innere der Sümpfe aus nackter Angst, denn man tuschelt, dass sie in dunklen Nächten grausame Rituale vollzieht, für die sie sowohl Tiere als auch unvorsichtige Menschen missbraucht – nicht wenige glauben, dass sie es ist, die dem Alten Baum alle zwei Jahre seine Opfer darbringt.

Die Berichte über ihr Erscheinungsbild sind so wandelbar wie der Sumpf selbst: Reisenden soll sie mal als betörend schöne Frau, mal als altes, gebrechliches Mütterchen entgegentreten, um Ahnungslosigkeit auszunutzen und sie tiefer in die tödliche Einsamkeit des Moores zu locken. Wer ihr verfällt, findet selten den Weg zurück. Die Erzählungen sind sich uneins darüber, ob sie ihre Opfer schlicht tötet, oder ob sie jenen, die Ehrfurcht beweisen, ein kosmisches Geheimnis offenbart. Eines jedoch gilt als gewiss: Sie ist uralt, von immenser Macht und man tut gut daran, ihrem Mythos mit Respekt zu begegnen.

Drâbârnį oder Çhôvįhânį: Der Bezug zum fahrenden Volk

Unter den Gelehrten und jenen, die die Kultur des fahrenden Volkes studieren, existiert jedoch eine weitaus faszinierendere Theorie. Es heißt, die „Graue Hexe“ sei in Wahrheit überhaupt kein ortsgebundener Sumpfdämon, sondern der Ursprung einer der am tiefsten verwurzelten Legenden der Guîrfóg.

Die Guîrfóg, die seit jeher als Händler, Heiler und Zukunftsdeuter, aber eben auch als berüchtigte Schadzauberer durch Nordlaurentia ziehen, besitzen eine tiefe Verbindung zur Geisterwelt. In ihrer Kultur wird erzählt, dass nur alle dreihundert Jahre eine wahre, vom Segen der heiligen Zarah berührte Drâbârnį – eine echte Tarotmeisterin – geboren wird. Diese Frauen erlangen ein astronomisches Alter, besitzen die Gabe, durch das Tarot, sei es mit Karten, Würfeln oder Knochen, mit den unsteten Geistern zu kommunizieren und die Wahrheit der Zukunft entgegen den Listen der Göttin Mearaicheah zu ergründen. Es wird gemunkelt, dass die „Graue Hexe“ im Sumpf eine jener legendären, steinalten Tarotmeisterinnen ist, die sich vor Jahrhunderten aus der Gemeinschaft ihrer Sippe zurückgezogen hat. Die unheimliche Hütte im Morast wäre demnach kein Ort des ewigen Blutrausches, sondern das private Refugium einer Drâbârnį oder Çhôvįhânį, deren Geist so tief in die Trance des Tarots und das Spiel mit der Geisterwelt versunken ist, dass die Grenzen zwischen Leben, Tod und Natur um sie herum verschwammen.

Die Grauländer Sagen mischen hierbei die Furcht vor dem Unbekannten mit den typischen Vorurteilen gegenüber den Guîrfóg: Wo der einfache Bauer ein finsteres, menschenopferndes Monster vermutet, das die Lebenskraft von Wanderern stiehlt, sehen Eingeweihte eine uralte Seherin, deren schier endlose Existenz schlicht einen unvorstellbaren Tribut an magischer Energie (und vielleicht die eine oder andere alchemistische Medizin alkoholischer Natur) erfordert. Wer sie findet und die richtigen Fragen stellt, erfährt vielleicht nicht sein Verderben, sondern den wahren Blick auf seine ureigenste Lebensfrage – vorausgesetzt, Mearaicheah beugt das Schicksal im Nachhinein nicht doch noch für einen grausamen Scherz.

Siehe auch: Sagen und Legenden der Graulande, Guîrfóg