Der alte Baum
Die Legende vom Alten Baum
|
Tief im Herzen des Sumpfes soll er stehen: Der Alte Baum. Ein titanisches Gewächs aus urzeitlichen Tagen, dessen mächtige, knorrige Wurzeln angeblich bis in das innerste Fundament des Landes reichen. Er wirkt riesig, grotesk und von einer unterschwelligen Bedrohlichkeit gezeichnet. Der Volksmund raunt sich Schauergeschichten über diesen Ort zu, denn in einem unerbittlichen Rhythmus von genau zwei Jahren wird am Fuße seines Stammes eine frische Leiche aufgefunden, deren Lebenskraft völlig entwichen scheint.
Die Gerüchte über die Ursache spalten die Gemüter der Sumpfbewohner. Die einen sprechen von Grauen Hexe, die im Verborgenen des Morasts haust und den Baum als Altar für grausame, blutige Rituale und Menschenopfer nutzt. Andere, weitaus unheimlichere Erzählungen besagen jedoch, dass der Baum selbst ein bewusstes, uraltes Wesen ist. Er fungiere als stummer Wächter, der das Land vor äußeren Feinden schützt – doch für diesen arkane Schutzmechanismus fordere er alle zwei Jahre Tribut, um seine eigene, schwindende Lebenskraft zu erneuern.
Gerüchte und Ungewissheit
Da der dichte Morast der Graulande Verschwiegene und Unvorsichtige gleichermaßen verschlingt, konnte der genaue Standort des Alten Baumes bis heute von keinem Chronisten zweifelsfrei kartografiert werden. Jedes abgelegene Sumpfdorf beansprucht die Legende für einen anderen finsteren Hain in seiner Nähe, und nicht selten weigern sich die dortigen Ältesten strikt, Fremde tiefer in die Feuchtgebiete zu führen.
Unter Reisenden gilt die Gegend als moralische Grauzone. Es heißt, manche isolierte Dorfgemeinschaften würden das zyklische Verschwinden von Reisenden oder ungeliebten Außenseitern bewusst stillschweigend dulden oder gar forcieren. Sie wiegen sich in dem fatalistischen Glauben, dass das periodische Opfer am namenlosen Baum das einzige ist, was die unheilvollen Mächte des Sumpfes davon abhält, über ihre eigenen Hütten hereinzubrechen. Ob sie damit einer Hexe dienen, einem hungrigen Baumgeist oder schlicht ihrer eigenen, tief sitzenden Paranoia, bleibt im Nebel verborgen.
Siehe auch: Sagen und Legenden der Graulande
