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Der Sumpfdrache

Die Legende vom Sumpfdrachen

 

In den sternenlosen, drückend stillen Nächten der Graulande, wenn der Nebel so dicht über dem Morast steht, dass er die Sicht raubt, bricht sich bisweilen ein Laut Bahn, der selbst gestandenen Sumpfjägern das Blut in den Adern gefrieren lässt. Es ist ein tiefes, vibrierendes Dröhnen, ein nebelhornartiges Fauchen, das so markerschütternd und voluminös klingt, dass es den Schlamm unter den Füßen erzittern lässt. Die Legenden der Landbevölkerung wissen seit Generationen, wer diesen furchterregenden Ton ausstößt: der Alte Sumpfdrache.

Den Erzählungen nach handelt es sich um eine uralte, flügellose Bestie von gigantischen Ausmaßen, deren Schuppen die Farbe von faulendem Holz und grünem Schlick angenommen haben. Tief im unzugänglichen Herzen des Schilfgürtels soll das Monster im ewigen Tiefschlaf liegen. Nur in den Nächten des Frühlingserwachens, wenn das Eis bricht und die Sumpfgase steigen, recke das Ungeheuer den gewaltigen Schädel empor, um sein territoriales Brüllen in die Dunkelheit zu schicken. Da der Laut aus den tiefsten Tiefen des Schilfs widerhallt und durch das Echo des Wassers unmöglich zu orten ist, gilt die bloße akustische Wahrnehmung des Drachen als böses Omen, das schwere Stürme oder das spurlose Verschwinden von Sumpfgängern ankündigt.

Wissenschaftliche Einordnung

Professor Rondrai ibn Lumin Laikis, Ordinarius für vergleichende Sagenkunde und archaische Symbolik, ist für seine ausufernden Theorien zu metaphysischen Resonanzfeldern bekannt – doch im Falle des „Sumpfdrachen“ zeigt er eine für seine Verhältnisse ungewohnt schroffe Rationalität:

„Man möge mir meine sonstigen Ausführungen zum Trotz nachsehen, wenn ich dem Drachenmythos hier jede archaische Tiefe verweigere. Ein Drache impliziert eine Entität, einen Willen, eine Manifestation des Transzendenten – doch was wir hier haben, ist nichts weiter als das schlichte Zusammenspiel von Gasdruck und Vogelgeflügel. Die sogenannte 'Stimme des Drachen' ist das Resultat einer exakt berechenbaren akustischen Resonanz, hervorgerufen durch das Ausgasen tiefgelegener Faulschlammschichten, gekoppelt mit dem Balzruf der heimischen Rohrdommel. Wer in diesem banalen geologischen Entlüftungsprozess den Atem einer Urbestie zu vernehmen glaubt, offenbart damit weniger die Existenz eines Ungeheuers als vielmehr die erstaunliche Fähigkeit des menschlichen Gehirns, in der bloßen Abwesenheit von Licht und Logik eine kollektive Halluzination zu produzieren. Es ist kein Mythos. Es ist Physik. Und Physik, meine Damen und Herren, ist nun einmal selten furchteinflößend, es sei denn, man versteht sie nicht.“
Prof. R. i. L. Laikis, „Manifestationen des Schattens“, Band III

Trotz dieser vernichtenden akademischen Dekonstruktion hält sich die Legende hartnäckig. Die Sumpfbewohner stören sich wenig an Laikis’ physikalischen Erklärungen. Sie verweisen gerne darauf, dass man – egal wie sehr der Professor den „Moorochsen“ bemüht – noch nie einen Vogel gesehen habe, der durch sein Brüllen das Eis auf den gefrorenen Sumpflöchern zum Bersten bringt. Laikis hat daraufhin die Debatte für beendet erklärt und ließ Anfragen zum Thema Sumpfdrache nur noch durch seine Sekretäre mit dem Vermerk „Suchen Sie sich ein echtes Problem“ beantworten.

Siehe auch: Sagen und Legenden der Graulande